Über das normale Gefühlschaos

Manchmal bin ich traurig. Manchmal bin ich glücklich. Und manchmal bin ich einfach

nur stinkwütend, ohne erkennbaren Grund. Niemand kann sich das erklären, und am

allerwenigsten ich selbst.

Ich liege neben meinem Freund im Bett. Vor einer Stunde haben wir uns noch unterhalten,

wir haben gelacht und ich hatte gute Laune. Vor einer halben Stunde ist er eingeschlafen.

Ich nicht.

Es ist spät, kurz nach zwölf schon, aber ich kann nicht schlafen. Ich mache das Licht

an und ärgere mich über mich selbst. Ich bin genervt.

Langsam wacht mein Freund auf.

,,Was machst du denn? Verdammt, ich muss schlafen,

es ist spät, ich muss morgen arbeiten.“

Ich merke, wie etwas langsam in mir aufsteigt. Es ist warm und kribbelig, und wandert

von meinen Zehenspitzen bis in meine Ohren.

„Ok.“

Sage ich, und mache das Licht aus.

Ich wälze mich herum. Er meckert wieder. In meinem Bauch steckt jetzt etwas großes,

schweres, etwas, was sich hin-und herbewegt, und nicht anhält. Mir wird übel.

,,Mir ist schlecht“,

sage ich. Ich hätte es nicht sagen müssen, denn so schlimm ist es nicht. Es ist eher

nur ein flaues Gefühl im Magen.

Er durchschaut mich.

,,Schlaf!“,

sagt er.

Ich fühle mich ertappt bei meinem Versuch, meine Langweile zu vertreiben. Das macht

mich wütend. Ich muss etwas tun, um mich zu beruhigen. Wenn ich mich bewege,

meckert mein Freund. Also leise. Verdammt, es geht nicht. Ich stehe auf und gehe ins

Bad. Nach fünf Minuten kommt er und klopft. Er macht sich Sorgen. Er macht sich

immer Sorgen, wenn ich mich im Bad einschließe. Meistens zu Recht. Aber jetzt nicht,

jetzt wollte ich nur lesen. Das macht mich noch wütender. Immer macht er sich Sorgen.

Nichts traut er mir zu, er vertraut mir kein bisschen.

,,Geh schlafen!“

schnauze ich ihn an.

Jetzt macht er sich noch mehr Sorgen.

,,Was machst du denn da?“

fragt er.

,,Lass mich doch mal rein.“

„Kontrolle.“, denke ich. Mein Wort genügt ihm also nicht. Ich schließe die Tür auf und

rausche an ihm vorbei zurück ins Bett. Er versucht wieder zu schlafen. ,,Wie kann er

jetzt einfach schlafen?“, denke ich. „Gerade hat er sich angeblich noch solche Sorgen

gemacht.“ Er hat sich bestimmt gar keine Sorgen gemacht. Er hat nur so getan, damit

ich denke, das er mich liebt. Vielleicht liebt er mich gar nicht. Jetzt bin ich nicht nur

wütend, sondern auch traurig. Verletzt. Ich beginne wie von selbst, meinen Fuß gegen

die Wand zu schlagen. Hauptsache den innerlichen Schmerz mit dem körperlichen

übertönen.

Das Licht geht an.

,,Was machst du da?“

Er schreit.

,,Wie alt bist du eigentlich?!“

Das hat gesessen. Wie alt bin ich eigentlich. Er hält mich für kindisch und unzurechnungsfähig.

Noch nie hat er mich bei so etwas jemals so was Verletzendes gefragt.

Sonst hat er immer mit Verständnis reagiert. Warum jetzt nicht?

Ich antworte nicht. Ich heule. Er wird noch saurer.

„Was ist – los, verdammte Scheiße noch mal!!!

Jedesmal ziehst du so eine Scheiße ab. Regelmäßig.

Du bist sowas von rücksichtslos, ich weiß nicht, was mit dir los ist!“

Jetzt schlage ich den Fuß heftiger gegen die Wand.

„Nicht schimpfen, bitte.“

Langsam beginnt mein Verstand, die Kontrolle zu verlieren. Vielleicht bricht ja ein Zeh.

Er liebt mich nicht mehr. Vielleicht hat er mich auch nie geliebt.

Er hält gewaltsam mein Bein fest. Ich reiße mich los und renne ins Bad. JETZT muss

er sich Sorgen machen. Er gehorcht.

Ich höre, wie das Schloß von außen geöffnet wird.

,,Schnell die Rasierklinge, wo ist die Rasierklinge?

Einen kleinen Schnitt schaff ich noch, bevor er kommt.“

Zu spät, er hält meinen Arm fest.

,,Vergiss es!“,

zischt er.

Es ist nach halb eins. Die Nacht ist gegessen. Das macht mich noch wütender. Ich

strampele und schlage um mich. Er schafft es, mir die Klinge zu entwenden und sie im

Klo runterzuspülen. Wenn er wüsste, wie sehr ich ihn liebe.

,,Ich hasse dich!“,

schreie ich. Zurück ins Bett. Er kommt nach, Tränen in den Augen. Was für eine

Genugtuung. Ich mache weiter.

„Wenn ich dir so wenig bedeute, dann können wir auch gleich Schluss machen.“

Er weint.

,,Warum machst du das?“

,,Weil du mich nicht liebst.“,

antworte ich.

,,Das ist nicht wahr!“

,,Raus aus meinem Bett!“,

fauche ich ihn an. Er nimmt sein Bettzeug und zieht um auf den Teppich. „Das hat er

so verdient!“, denke ich. Ich drehe mich zur Wand und höre ihn weinen.

,,Wann holst du deine Sachen ab?“

Ich bin so gemein.

,,Du meinst es ernst, oder?“

„Sonst würd ich’s nicht sagen!“,

keife ich.

Er kann sich kaum noch beherrschen. Tränen laufen an seinem blassen, müden Gesicht

herunter und tropfen auf das Kopfkissen.

„Ok.“,

sagt er mit erstickter Stimme.

,,Morgen bin ich weg.“

Morgen ist er weg. Das stellt einen Hebel in meinem Kopf um und macht mich schwindelig

im Bauch. Er will von mir weg. Er will mich verlassen. Ich bekomme Panik. Er geht

wirklich. Ich steige zitternd aus dem Bett. Ich muss ihn trösten. Verlass mich nicht!

,,Geh nicht weg!“

Ich sacke neben ihn auf den Teppich.

„Du darfst mich nicht verlassen! Geh nicht von mir weg!

Du darfst doch nicht gehen!“

Ich schluchze immer heftiger.

„Lass mich nicht alleine…!“

Das ist das Letzte, woran ich mich erinnern kann…

Einen Tag später. Zwischen mir und meinem Freund ist wieder alles in Ordnung. Er

kennt das. Es war nicht das erste Mal. Und es war nicht das letzte Mal.

Und ich stehe im Scherbenhaufen und gehe doch barfuß immer weiter. Weil ich es

schaffen will. Weil ich Momente und Dinge in meinem Leben habe, für die es sich zu

leben lohnt.

Und weil Borderline keine Sackgasse ist. Tschakka.

So kann eine Borderline Beziehung ausschauen, mir selbst kommen einzelne Passagen sehr bekannt vor.


Meine Ehe war zu Anfang eine Berg und Talfahrt, aber schlussendlich sind wir im August 16 Jahre verheiratet.

Nicht jede Borderline Beziehung ist zum Scheitern verurteilt, wie manche Boulevard Magazine schreiben mögen.

Das Buch „Ich hasse dich – verlass mich nicht“ von Hal Straus.

Beschreibt und umfasst die Borderline Thematik.