Depressionen,  Familie,  Traurig,  Vergangenheit

Das Unsichtbare Kind 3.Teil



Sie empfand ihre Kindheit als schön, erzählte meine Mutter, es war eine harte Zeit, Trotzdem hatten sie als Kinder immer viel Spaß, auch wenn die Zeiten damals von Armut geprägt waren. Sie war auch nie anspruchsvoll. Sie erledigte gerne Aufgaben im Haushalt, aber ungern auf dem Feld, um Kartoffeln auszugraben.

Jedes Mal, wenn sie mitsollte, sagte sie zu ihrer Mutter das sie liebend gern alles im Haushalt macht, aber nicht mit aufs Feld möchte. Es gab kein Entrinnen, sie musste. Zusammen mit ihrem Vater und mit ihren zwei Geschwistern. Manchmal ärgerte ihr jüngerer Bruder sie, aus Spaß mit einem Wurm, den er ihr vor die Nase hielt und meine Mutter rannte wie von Wespen gestochen. Sie hatte sowieso schon panische Angst. Und dann kam auch noch ihr kleiner Bruder, der sich einen kleinen Scherz erlaubte. Es schien fast so als sei Rita ängstlicher als ihre Geschwister. Man dachte damals nicht daran das es Folgen des Krieges sein könnten, dass sich die Angst der Mutter auf das Ungeborene Kind übertragen könnte. Aber woher sollte sie sonst so viel Angst haben? (Anmerkung, in einem Gerichtlichen Gutachten von 1991 stand, dass es irgendwas in der Familie oder in Mamas Jugend, etwas gegeben haben muss, dass sie Alkolikerin wurde) Meine Mutter sprach immer nur davon, dass sie eine schöne Kindheit gehabt habe und ihre Eltern alles getan hätten was in ihrer Macht stünde.

Aber Ritas Mutter, war immer wieder krank geworden. Mal waren die Depressionen unerträglich. Und dem Mädchen fiel es sichtlich schwer, richtige Worte zu finden, um ihre Mutter zu beruhigen oder zu trösten. Mutter, war so eine Herzensgute Person und wenn sie lächelte schien die Sonne in unseren Herzen. Die Eltern taten beide alles was für uns Kindern von Nöten war, auch wenn das Geld an allen Ecken und Kanten fehlte, erzählt Rita. Wenn Vater schlachtete, gab es oft Wurstebrei für die Menschen im Dorf ohne Geld dafür zu verlangen. Und die anderen halfen uns mit Kleidern oder anderen Lebensmitteln. Jeder kannte jeden, wir besuchten uns gegenseitig, wir halfen einander. Und die Kinder spielten zusammen. Es war wie eine Große Gemeinschaft. Einmal ging Rita spazieren, allein von Zuhause, ohne Bescheid zu sagen, und kam zu dem Berg am Waldessrand, da lagen die Tommys (Soldaten) und beobachteten das kleine Dorf. Renate zögerte erst, als ein Soldat zu ihr hinüberrief, Der Soldat kam näher, er schaute Rita lange freundlich an, strich ihr über die Wange und dann über ihren Kopf und sagte etwas was sie nicht verstehen konnte. Danach gab er ihr eine Tafel Vollmilch Schokolade. Rita machte einen Knicks, und bedankte sich und rannte danach so schnell wie möglich zurück ins Dorf. Sie hatte Angst, der Soldat könnte ihr etwas antun, aber sie hat es geschafft, sie kam wieder zuhause an. Derweil stand ihr Vater schon an der Veranda und hielt Ausschau nach ihr. Als er sie vom Berg hat kommen sehen, (Sie rannte) Es war ihre Übergroße Freude den Eltern ihre Tafel Schokolade zu überreichen. Doch die Eltern reagierten anders als erwartet. „Wie kannst du nur, Rita“ – stell dir doch mal vor, wenn dir was passiert wäre, die kennst du doch nicht. Du sollst nicht mit fremden sprechen und auch nichts annehmen. Es herrschte ein Rauer Ton. Doch geschrien wurde nicht. Rita weinte fast, sie war traurig sie dachte Die Eltern würden sich freuen, dass sie ihre geschenkte Tafel Schokolade mit ihnen teilt. Sie musste dann auf ihr Zimmer, und war traurig, sie weinte fast die ganze Nacht. Am nächsten Morgen war es so als ob nichts geschehen wäre. Sie erzählte ihren Eltern nicht das sie sich einmal in ihren bisherigen Leben etwas zutraute, wo sie ansonsten doch immer so viel Angst hatte und es sich nicht erklären konnte, warum es so war. Die Zeiten hatten sich geändert nun gab es die Deutsche D-Mark. Es gab keine Reichsmark mehr, und auch keine Lebensmittelmarken. Alles änderte sich, damit und auch die Not und das Leid. Die Wirtschaft kam wieder voran. Das kleine Geschäft in ihrem Haus, in dem Mathilde arbeitete erfüllte sie. Und so langsam schien es ihr auch besser zu gehen. Rita wuchs zu einer jungen Dame heran, sie war Vierzehn Jahre alt. Sie hatte eine schöne Zeit, mit ihren Freundinnen zog sie um die Häuser und verbrachte schöne Momente in der Dorfkneipe oder im Gemeindehaus und spielten Karten. Bei schönem Wetter spielten sie Federball auf der Straße. Ihre Mutter, gab gern mal Zitronensprudel für die Kinder aus, die vor unserem Haus auf der Straße spielten. Den in ihrem kleinen Manufakturladen verkaufte sie außer Textilien auch Bier und Limonaden. Und am Haus hing seit geraumer Zeit ein Zigaretten Automat.

Georg mein Opa, Mamas Papa war Vierzehn Jahre älter als Meine Oma Mathilde und so langsam machte ihn die Arbeit auf dem Feld und auch das Schlachten der Schweine zu schaffen. Da er das alles nur mit einer Hand schaffen musste. (Der linke Arm wurde ihm abgenommen als er als Junge mit im Wald einen Baum fällen musste und es dann zu einem Unfall kam.) Mehr wusste Rita auch nicht. Aber sie spürte wie sehr ihm die Arbeit mittlerweile zu schaffen machte. Manchmal schlief er nach dem Mittagessen auf dem Sofa ein. Das kannte sie so, von ihrem Vater nicht. Schließlich lebten Ritas, Eltern nur noch von dem kleinen Laden. Sie hatten keine Krankenversicherung und mit der Zeit wurde dann die eigene Hausschlachtrerei eingestellt und auf dem Feld mussten sie dann auch nicht mehr. Das Land wurde verpachtet auf dem sie ihre Tiere gebracht hatten. Jedoch machte es sich Georg zur Aufgabe mit dem Fahrrad alle Dörfer in der Gegend abzufahren und seine Textilien aus dem Laden an die Kunden zu bringen. Leider hatte er kein Auto mehr, das hatten die Nazis ihm, im Krieg einfach so weggenommen. So fuhr er jeden Tag, fast acht Stunden unentwegt mit dem Fahrrad über mehrere Kilometer, um den Lebensstandard zu erhalten. Dennoch war nicht mal ein Urlaub oder ein Ausflug drin. Wenn dann wurde mit den Kindern zum Hermanns Denkmal gewandert, dann gab es dort mal ein Eis. An sich gingen sie sehr viel spazieren. Auch an besonderen Tagen wurde für die Kirche im Dorf viel getan. Fronleichnam da wurden Blüten gesammelt und auf dem Weg zur Prozession wurden sie verstreut. Rita tat viel für die Kirche im Dorf und sie trug einmal die Heilige Hostie. Am Erntedank fest wurden Kräuter gesammelt, sowie Schafgarbe, Weihrauch und andere Kräuter, die man am Weg und Waldessrand fand. Sie wurden zur Kirche gebracht und geweiht. Rita stand bei jeder Andacht ganz hinten in der Kirche, sie konnte es nicht ertragen vorne sitzen zu müssen. Dann bekam sie wieder Schweißausbrüche und Panikattacken. Aber da sie schon zur Kommunion gekommen war, sollte sie eigentlich Vorne sitzen. Auf Biegen und Brechen konnte sie man nicht umstimmen. Mathilde redete auf sie ein, aber es half nichts. Mathilde, verstand nicht, dass ihre Tochter nicht vorne sitzen wollte. Sie verstand auch nicht, warum sie so ängstlich war. Mathilde schien es so, als würde Rita immer ängstlicher. Sie sagte aber nichts. Entweder sie vergaß es oder wurde es verheimlicht oder gar unter dem Teppich gekehrt? Hat Mathilde, überhaupt in all den Jahren bemerkt das Rita ängstlich war? Und dass sie darunter sehr stark gelitten hatte?

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