Überarbeitet, am 13.Dezember 2021. 30 Jahre auf den Tag genau ist es her.

Der Tag, der meine Welt veränderte!

Der Winter zeigte sich von seiner schönsten Seite, es war bitterkalt es hatte leicht gefroren und die Sonne schien und glitzerte auf kristallisiertes Gras.
Die Luft roch frisch und klar, ein Morgen wie fast jeder andere.
ich weiß noch, wie ich mich bei meiner Mutter verabschiedete.


Meine Mutter sagte, sie wollte heute zum Mittag Bratkartoffeln machen, erst dachte ich, sie sagt das nur weil meine Betreuerin neben mir stand.
Aber als sie ein paar Kartoffeln auf das Küchenbrett legte, dachte ich heute gibt’s dann Essen, da freue ich mich drauf.
Ich drückte meine Mutter ganz fest und ich gab ihr ein Küsschen auf die Wange wie jeden Morgen und ich würde diesen Gesichtsausdruck, wenn sie Nüchtern und so herzlich war nie vergessen.
Ich hatte schon wieder ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber. vielleicht lag es auch an mir das sie sich immer wieder kaputt machte mit Alkohol.


Ich gab mir auf jeden Fall die größte Schuld daran.

Ich dachte nur immer, wenn ich nicht so schwierig wäre und nicht immer so krank würde bei jeder Kleinigkeit, dann hätte meine Mutter nicht so viele Sorgen und müsste nicht trinken.
Dann stieg ich in das Auto von der Betreuerin, die vom Jugendamt regelmäßig zu uns kam, um mit mir Hausaufgaben etc. zu machen.
Ich drehte mich ca. 10-mal zu dem Haus meiner Mutter um und ich sah sie am Fenster stehen, und ich dachte bei mir

(Ich hoffe so sehr, dass sie nicht getrunken hat, wenn ich wieder nach Hause komme)
Kurz bevor wir in die Schulstraße ein bogen, redete die Betreuerin nicht mehr.
Ich wunderte mich zwar, aber das war mir auch nicht unangenehm.
Kurz bevor wir auf den Schulparkplatz fuhren, sah ich ein Auto, es war ein großer silberner Mercedes Benz, – dieses Auto kannte ich.
Von einigen Gesprächen mit dem Jugendamt.
Ich wunderte mich wieder – und fragte die Betreuerin was das Jugendamt hier will, also gerade die Sachbearbeiter, die mit mir zu tun haben?
Sie sagte nur „Du, Ich weiß es nicht? „
Immer wieder, als ich auf die Sozialarbeiter zuging, fragte ich meine Betreuerin, „Was wollen die von mir? „Ich ahnte schreckliches, wollte es aber noch nicht wahrhaben.
Ich hatte nur einfach wahnsinnige Angst wieder von meiner Mutter getrennt zu werden.
So ging ich zögerlich ein paar Schritte auf den Sachbearbeiter vom Jugendamt Herrn Hammermeister, Jugendamt des Kreises Detmold zu.
Und fragte ihn was er hier wollte.
Er war noch mit zwei Damen vom Jugendamt dort gewesen.
Die stehen am Auto , und gucken mich an – die ganze Zeit.
Herr Hammermeister sagte „wir würden gerne mit dir reden“
„Ist das in Ordnung „?


Naja, dachte ich mir, nur reden ist ja nicht schlimm und willigte ein.
Ich sagte gleich dabei, dass ich jetzt aber wieder regelmäßig zur Schule gehe.
Aber ich glaube das interessierte die Herrschaften des Jugendamtes nicht.
Dann sagte Herr Hammermeister ich sollte doch bitte in das Auto einsteigen.
Ich fragte warum?
Hammermeister: Damit wir ungestört irgendwo reden können und danach bringen wir dich wieder zur Schule versprochen!
Ich nahm meinen Schulranzen und begab mich zum Auto, hinter mir hörte ich wie die Betreuerin mir nachrief und sagte „Es tut mir leid“ Ich wusste nichts davon!
Ich dachte nur warum tut ihr das leid. Ich glaubte nicht, dass sie etwas dafürkonnte.
Das ich jetzt mit diesen Herrschaften vom Jugendamt reden musste.
Vor mir am Lenkrad saß der Herr Hammermeister neben ihm eine Frau vom Jugendamt
und neben mir auch eine mir Bekannte Frau vom Jugendamt, Frau Freitag.
Sie war etwas stabil und hatte eine Brille auf, Braunrot etwas gelocktes längeres Haar.
Irgendwie fühlte ich mich wie umzingelt ….
Das Auto fuhr eher in Richtung nach Hause, ich dachte vielleicht wollen sie auch mit meiner Mutter reden?
Aber als wir schon einige Kilometer von meinem Zuhause fort waren und ich nur noch aus der Ferne die Firma Künnemeyer sehen konnte, fragte ich erstaunt, wo hin wir fahren würden.
Ein paar Sekunden später kam dann die Antwort von Herrn Hammermeister.
„Mädchen, Bleib jetzt ganz ruhig, wir bringen dich jetzt in ein Heim“
Als das letzte Wort gesprochen war, bin ich wie vom Blitz getroffen aufgeschreckt.
Im Bruchteil einer Sekunde sind alle Türen per Automatik Klick, zu gemacht worden.
Zack, Zack , Zack , Zack ging das und ich saß in der Falle.


Von jetzt auf gleich veränderte ich mein komplettes Erscheinungsbild und von der ach so scheuen und ängstlichen knapp vierzehnjährigen blieb nichts mehr übrig.
Ich fing an zu schreien und zu toben als kämpfte ich ums Überleben.

Ich kochte innerlich, und ich schnappte nach Luft und weinte, wie ich noch nie in meinem Leben geweint habe, ich schrie und weinte.


Ich schrie alle im Auto an und ich versuchte von hinten den Fahrer zu würgen, als mir dieses nicht gelungen ist, schlug ich um mich.

Und schlug Frau Freitag ein blaues Auge, ihre Brille fiel zu Boden und war kaputt.
Ich schrie laut, dass sie mit mir so was nicht machen können das ich aus dem Auto raus will.
Was meine Mutter denken würde, wenn ich nicht wieder komme.
Frau Freitag versuchte mich zu beruhigen aber nichts half, sie sagte das sie nachher noch zu meiner Mutter fahren würden.
Ich dachte laut dann ist jetzt alles vorbei, dann habe ich niemanden mehr.
Aber auch das Interessierte Frau Freitag und allen anderen im Auto nicht.
So sehr habe ich geheult und geschrien und mit den Füßen gegen die Sitze gehauen.
Aber alles brachte nichts.
Irgendwann nach circa 50 Kilometern gab ich auf, ich war so geplättet.
In mir war alles leer und ich hatte keine Stimme mehr.
Ich weinte nun nur noch leise vor mich hin und versuchte mich ein bisschen zu beruhigen damit ich keinen Asthma Anfall bekam. Meine Welt ging gerade unter, das schrecklichste in meinem Leben war von meiner Mutter getrennt zu werden. So hatte ich mich doch mein ganzes Leben schon daran gewöhnt für sie da zu sein!
Herr Hammermeister sagte „Gleich sind wir da“!!!
Ich schaute mir die Umgebung sehr genau an im Falle ich würde den Mut haben von dort wieder zu verschwinden.
Oder dass meine Mutter mich abholt, aber das war wohl nur ein Wunschgedanke.


Irgendwo im nichts von Straßen, sehr vielen Bäumen sehr wenigen Bergen.
Ich fühlte mich als sei ich in einem anderen Land.
Wir fuhren durch einige Dörfer, die aussahen, als ob dort manche Menschen im Mittelalter stehen geblieben sind.
Es roch nach Kuhstall und Wiese, was eigentlich nicht schlimm war denn ich war gern auf dem Lande. Am liebsten, damals bei Oma.
Dann fuhren wir eine lange Straße entlang, die fast wie es schien ins Nichts führte.
Und irgendwann nach circa drei Kilometern entdeckte ich ein großes Fachwerkhaus Haus am Waldesrand. Eine ehemalige Mühle!
Und genau dorthin sollte ich jetzt?

das sollte nun mein neues Zuhause sein?
Auf dem Parkplatz angekommen, wartete schon ein Herr auf mich – Schlank, groß und viele Haare im Gesicht, also ein Bart.
Herr Hammermeister stellte mich vor und der Erzieher von dem Heim bat uns rein in die Stube.
Die anderen beiden Frauen vom Jugendamt kamen auch mit.
Dann gingen wir rein und ich sah mich im vorüber gehen gleich um.
Wir setzen uns in ein großes Wohnzimmer, Ich bekam Frische Kuhmilch zu trinken die anderen Kaffee.
Und dann wurde über mich geredet. Und über das was ich im Auto gemacht habe. Das aber wohl nicht so schlimm für die Leute vom Jugendamt war, sie fanden es schlimmer, wenn ich noch weiter bei meiner Mutter geblieben wäre.
Was wäre dann aus mir geworden?
Verinnerlicht hatte ich: das Jugendamt hat mich entführt und nun muss ich hier zusehen, wie ich ganz allein mit mir klarkomme.
Oder bekomme ich doch die Chance auf eine Flucht?
Die anderen redeten, ich schlürfte an meiner Milch und dachte an meine Mutter
Ich hatte Tränen in den Augen, traute mich aber nicht vor allen nochmal zu weinen.
Ich wollte stark sein.


Ich tat so, als ob mir dieses Heim und mit ihm all die Kinder und Erzieher nichts anhaben könnten.
Ich hatte eine Scheißangst, was mit meiner Mutter jetzt sein wird, wenn ich sie nicht mehr sehen kann oder darf?
Werde ich sie überhaupt wieder sehen dürfen.
Muss ich jetzt mein ganzes Leben lang hier bleiben?
Werde ich überhaupt meine Familie wieder sehen und meine  Oma.
Ich habe sie so sehr vermisst.
Aber die meisten Sorgen machte ich mir um meine Mutter.
Und diese Sorgen sind immer da gewesen, egal was ich auch tat.

Ich hatte nie den Gedanken daran, wie es jetzt weiter geht, außer dass ich nach Hause wollte, aber kam aus der Sache nicht mehr raus. Was hat mir das Jugendamt da angetan?

Dieses Trauma begleitete mich über Jahre, nicht, dass genug damit war. Was im Heim passierte war schlimm und ich wünsche das keinem Kind!